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Gestatten, das ist meine Neue:



Allein schon Ihre Masse: verschwenderischer 15-fach Zoom (kombiniert mit einem Digitalzoom, der sich sehen lassen kann), WEITWINKEL (28 - 100 mm equiv. (3.6x), F2.8 - F5.3), leise, federleicht und ein Haar grösser als erwartet, also genau richtig! Und mit allen Schikanen!!

Meine Alte
wollte nicht mehr so recht, doch 3 lange Jahre und zehntausende Bilder ist nicht schlecht. Andere Cams streiken schon nach 8 Monaten.

China und der Westen


Der Aufstieg Chinas zur politischen und wirtschaftlichen Weltmacht

 

Ulrich Berger und Christoph Stein (TP)

 

War der Irakkrieg der erste chinesisch-amerikanische Kampf um die Ölvorräte der Welt?

 

Seit Anfang der 1980er Jahre boomt die chinesische Wirtschaft mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von knapp 10%, während die westlichen Industriestaaten bei 1% bis 3% vor sich hin dümpeln. Das chinesische Bruttosozialprodukt stieg von etwa 760 Milliarden Renminbi Yuan (10 Renminbi Yuan entsprechen 1,2 US$ und der Kurs gilt als unterbewertet, ist aber fest an den Dollar gebunden) auf über 7200 Milliarden Renminbi Yuan (864 Milliarden $) hat sich also in den letzten 25 Jahren fast verzehnfacht. Bei gleichbleibendem Tempo verdoppelt sich die chinesische Wirtschaft alle 6 bis 7 Jahre.

 

   

 

 

China überschwemmt die westlichen Märkte mit seinen Waren. Es ist längst nicht mehr nur die Werkbank internationaler Konzerne. Es greift nach weltweit etablierten Marken, wie z.B. der PC-Sparte von IBM. Chinesische Entwickler produzieren eigene Multimediachips, um Lizenzkosten zu sparen. Sie setzen damit eigene Standards. Chinesische Konzerne betreten erfolgreich die Weltbühne. China stapelt gewaltige Devisenreserven in Form amerikanischer Staatspapiere auf seinen Konten. China hat einen unersättlichen Hunger nach Rohstoffen aller Art. Besonders groß ist sein Bedarf nach Öl. Selbst verfügt China nur über 2% der weltweiten Ölreserven. Es investiert in die Ölfelder im Sudan, Venezuela, Kasachstan, Nigeria, Kanada und Indonesien dreistellige Milliardenbeträge. China war vor dem US-Einmarsch stark im Irak vertreten und engagiert sich heute im Iran und in Saudi-Arabien.

 

 

Abzusehen ist, dass der Aufstieg Chinas die Gewichte in Weltwirtschaft und Weltpolitik drastisch verändern wird. Über kurz oder lang wird China seine wirtschaftliche Macht auch politisch ummünzen. Dass China dabei seine 150jährige Erniedrigung durch den Westen vergisst oder gar ein liberaler Staat wird, darauf sollte der Westen nicht bauen.

 

 

Welche Änderungen im weltweiten Machtgefüge und in den globalen Strömen des Reichtums wird der chinesische Boom auslösen? Was bedeutet der wirtschaftliche Aufstieg Chinas für die USA, was für Europa, was für Deutschland? Ist China nur ein neuer potenter Mitspieler im neoliberalen globalen Spiel? Läutet die neue chinesische Konkurrenz eine neue Runde der Globalisierung ein? Wer wird der Gewinner, wer wird der Verlierer sein?

 

 

Oder spielt China ein ganz anderes Spiel? Will China überhaupt im global play, so wie es ist, mitspielen oder wird China die Spielregeln verändern? Was ist die macht- und wirtschaftspolitische Strategie Chinas? Über welche Mittel verfügt China um seinem Willen Geltung zu verschaffen?

 

 

Drei Bücher zum Thema sind kürzlich erschienen, die sich mit dem Phänomen China beschäftigen: Wolfgang Hirns "Herausforderung China", Karl Pilnys "Das asiatische Jahrhundert" und Frank Sierens "Der China Code".

 

 

Ein neuer Mitspieler?

 

 

Für Wolfgang Hirn ist China ein neuer und sehr erfolgreicher global player. China verschiebt die Gewichte in der Welt. In seinem Buch "Herausforderung China" vertritt Hirn die These, China werde zur "Fabrik der Welt", die bisherigen großen Industriestaaten USA, Japan und Europa würden sich hingegen deindustrialisieren, die Massenarbeitslosigkeit würde dort unaufhaltsam voranschreiten. Die Chinesen sind "begnadete Kapitalisten", seit Jahrhunderten ein Volk von Händlern, der Sozialismus in China ist längst nur noch eine hohle Fassade. China wird zur neuen kapitalistischen Weltmacht. Hirn erwartet dort auch zukünftig keine Demokratie im westlichen Sinn, sondern eher eine Entwicklungsautokratie nach dem Vorbild Singapurs.

 

 

Für Wolfgang Hirn stehen Verlierer und Gewinner fest. China gewinnt alles. Der etablierte Westen verliert. Er ist der chinesischen Konkurrenz nicht gewachsen.

 

 

 

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 Die Deindustrialisierung ist durch keine der bei uns diskutierten Reformen aufzuhalten. Ich gehe davon aus, dass der Westen protektionistische Maßnahmen ergreifen wird. Diese Diskussion wird in den USA bereits heftig geführt.

 

Wolfgang Hirn in einem Interview

 

 

Leider ist sein Buch schlampig und flüchtig geschrieben. Es macht den Eindruck, als habe Hirn einen Zettelkasten mit Zeitungsausschnitten ausgekippt und zwischen zwei Buchdeckel gepresst. Jedes erdenkliche Thema wird auf jeweils 2 bis 3 Seiten eher oberflächlich abgehandelt, zumeist eingeleitet durch eine Anekdote, die wohl die Vorstellung vermitteln soll, der Autor sei bei allem was er beschreibt leibhaftig dabei gewesen.

 

 

Hirn betrachtet die Entwicklung Chinas aus der engen Perspektive eines Mainstream-Volkswirtschaftlers. Er kann sich China nur wie einen neuen Westen vorstellen, der die wirtschaftliche Potenz für sich monopolisieren will. Jedoch, will China überhaupt die "Werkstatt der Welt" werden und für den Rest der Welt schuften? Und wovon sollte der Westen die Produkte dieser "Werkstatt der Welt" auf Dauer bezahlen?

 

 

Neue Konfliktlinien in Asien?

 

 

Karl Pilny betrachtet in seinem Buch "Das asiatische Jahrhundert" die Beziehung zwischen der etablierten Wirtschaftsmacht Japan und der kommenden Macht China. Pilny ist ein intimer Kenner der japanischen Kultur, Sprache und Geschichte und der Berater einer englischen Anwaltskanzlei.

 

 

Sein Blick auf China ist merklich von dieser Erfahrung geprägt. Seine Beschreibung der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas verlässt nie den Jargon angelsächsischer Wirtschaftsblätter, oftmals vermisst der Leser auch hier die ordnende Hand eines Lektors. Für ihn gibt es offenbar nur einen erfolgreichen Weg ökonomischer Entwicklung und der heißt: Demokratisierung und liberale Reformen. Für die Eigentümlichkeiten der chinesischen Wirtschaftspolitik fehlt Pilny das Sensorium.

 

 

Brauchbarer sind seine Überlegungen zu Japan. Japan trägt an einer schweren Bürde, die seine Beziehungen zu den asiatischen Nachbarn vergiftet: die unaufgearbeiteten Verbrechen seiner kriegerischen Geschichte. In der japanischen Gesellschaft und im Verhältnis zu seinen Nachbarn schwelt ein unaufgearbeiteter Konflikt, der Japan prinzipiell unberechenbar macht, insbesondere wenn es sich durch den Aufstieg Chinas bedroht fühlen sollte. Wie das Verhältnis zwischen Japan und China sich entwickeln wird, kann daher niemand voraussehen. Alles scheint möglich, von einer engen Kooperation bis zu schwersten Konflikten.

 

 

Karl Pilny fragt sich, welchen Charakter China als Weltmacht haben wird. Für ihn ist China immer noch das konfuzianisch geprägte Reich der Mitte. Es wird daher an "harmonischen und komplementären" Beziehungen interessiert sein, nicht an einer einseitigen Dominanz. Mit dem Aufstieg Chinas zur globalen Supermacht des 21. Jahrhunderts wird sich die Welt grundsätzlich ändern. Die neue Welt wird eine multipolare Welt sein, die ihren Schwerpunkt nicht mehr auf Macht- und Dominanzkämpfe legt, sondern auf Wohlstand für alle. "Trotz jederzeit möglicher Konflikte und Katastrophen birgt das 21. Jahrhundert die Chance zu einem nie da gewesenen materiellen und spirituellen Reichtum der Menschheit. In Pilnys Augen ist Europa für diese neue multipolare Welt besser gerüstet als Japan oder die USA.

 

 

China ist nicht der Westen

 

 

Auf angenehme Weise unterscheidet sich das Buch "Der China Code" von Frank Sieren von den beiden anderen China-Büchern. Frank Sieren schreibt aus eigener Anschauung. Er lebt seit 10 Jahren in Peking als Wirtschaftskorrespondent, kennt Land und Leute und die chinesische Geschichte. Sein fesselnd geschriebenes Buch zwingt den Leser über den europäischen Tellerrand hinweg zu schauen, tradierte "Selbstverständlichkeiten" in Frage zu stellen. China ist anders als der Westen und diese Andersartigkeit gilt es erst einmal wahrzunehmen. Ausführlich schildert Frank Sieren deshalb die Geschichte Chinas.

 

 

Im chinesischen Bewusstsein ist der Aufstieg Chinas das Wiedererstarken der größten und ältesten Kultur der Welt, die eine 150jährige Phase der Schwäche und der Demütigungen endgültig überwunden hat. Chinas Stärke am Anfang des 19. Jahrhundert war paradoxerweise zugleich der Grund für seine Schwäche. China hatte alles. Es gab keine Waren, die die westlichen Kaufleute den Chinesen hätten verkaufen können, denn China stellte alles, was es brauchte, selber her. Die Qualität seiner Produkte war den europäischen häufig überlegen. Die englischen und holländischen Kaufleute konnten die begehrten chinesischen Güter, Tee, Porzellan und Seide auf offiziellem Wege nur gegen Silber erwerben. Der Westen verlor also gewaltige Mengen Silber an China.

 

 

Als Ausweg verlegten sich die westlichen Kaufleute auf den Drogenschmuggel mit Opium, das die Briten in ihrer Kolonie Indien anbauen ließen. In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts war schon eine Million Chinesen opiumabhängig, immerhin 1% der Bevölkerung, am Ende des 19. Jahrhundert waren es bereits 12 Millionen. Das Opium machte nicht nur die Bevölkerung süchtig, es ruinierte auch die Wirtschaft. China tauschte Silber gegen Opiumkranke. Das Silber wurde knapp. Die Kaufkraft sank. Die Arbeitslosigkeit stieg.

 

 

Der chinesische Kaiser reagierte zu spät. Erst 1838 schritt er ein und konfiszierte große Mengen Opium, um so den Opiumhandel zu unterbinden. Die Briten schäumten vor Wut und forderten Entschädigung. Die Chinesen ignorierten die Forderungen. Verhandlungen führten zu keiner Lösung. Die Engländer ließen die Waffen sprechen. 1842 hatten sie Shanghai und die alte Kaiserstadt Nanjing erobert und blockierten den großen Kanal, den wichtigsten Verkehrsweg Chinas. Nun konnten sie dem Kaiser ihre Bedingungen diktieren. Die südlichen Häfen mussten geöffnet werden, China konnte kaum noch Zölle erheben und Ausländer durften von der chinesischen Justiz nicht belangt werden. Die Chinesen mussten den ersten einer ganzen Kette ungleicher Verträge akzeptieren.

 

 

Mit dem Opiumkrieg und den "ungleichen Verträgen" im 19ten und 20sten Jahrhundert erfuhr China schmerzlich, dass es die "Barbaren aus dem Westen" auf gefährliche Weise unterschätzt und sich auf einem trügerischen Gefühl kultureller Überlegenheit ausgeruht hatte. Die chinesische Politik verlor die Kontrolle über den Außenhandel, die Industrien und am Ende selbst über die Armee an die Ausländer. China wurde zum Spielball der europäischen Kolonialmächte, der USA und am Ende der Japaner.

 

 

Der Sieg der Kommunisten unter Mao und die Gründung der Volksrepublik 1949 stellten die politische Souveränität der Chinesen über ihr Land wieder her. Dass bis heute der "Große Vorsitzende" in China verehrt wird, ist nur vor diesem Hintergrund zu begreifen. Seither kann keine chinesische Politik es je wieder zulassen, dass Ausländer in China eine beherrschende Machtposition gewinnen. In gleicher Weise ist die Einheit des Landes, die "ein China Politik" ein seitdem unaufgebbarer Grundsatz chinesischer Politik.

 

 

 

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 Aus der Kolonialzeit haben die Chinesen gelernt, das sie ihr Land nur in dem Maße in die Welt integrieren dürfen, wie es ihren Interessen und Fähigkeiten angemessen ist. Oder anders gesagt: Wenn ein Ausländer in China Geld verdient, muss ein Chinese durch das gleiche Geschäft noch mehr verdienen. Kein großes ausländisches Unternehmen - sei es in der Stahl-, Chemie-, Pharma-, Banken- oder Versicherungsbranche - kann sich in China in eine Richtung bewegen, mit der die Regierung nicht einverstanden wäre.

 

Frank Sieren

 

 

Konkubinenwirtschaft

 

 

Wie gelingt China die Integration in die Weltwirtschaft, ohne die politische Kontrolle über die wirtschaftliche Entwicklung zu verlieren? Im westlichen Verständnis erscheint dies wie eine Quadratur des Kreises. Der Rückbau politischer Kontrollen gilt nach den Dogmen des wirtschaftlichen Liberalismus als Voraussetzung wirtschaftlicher Entwicklung. China jedoch kümmert sich nicht um liberale Glaubenssätze und ist dennoch erfolgreich. Wie kann dies funktionieren? Dieser Frage geht Frank Sieren sehr ausführlich nach.

 

 

Mit dem schönen Begriff "Konkubinenwirtschaft" beschreibt er das geschickte listige Spiel, das die chinesische Wirtschaftspolitik mit der Gier der westlichen Konzerne treibt, am Beispiel des China-Engagements der großen Autokonzerne.

 

 

 

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 Die Wahrscheinlichkeit, dem Kaiser einen Sohn zu gebären und damit eventuell die Mutter des Herrschers zu werden, war deutlich höher als die Chance, heute einen bestimmenden Einfluss im chinesischen Automarkt zu bekommen.

 

Frank Sieren

 

 

China ist der größte Binnenmarkt der Erde und die chinesische Wirtschaftspolitik unternimmt alles, um den Massenwohlstand und damit die Kaufkraft zu steigern. Damit hält China ein Monopol. Die Märkte der Industrieländer sind gesättigt, in den meisten Ländern der DrittenWelt ist die Kaufkraft ruiniert. Die globalen Konzerne sind gezwungen, einen Fuß in die chinesischen Märkte zu bekommen. China kann dabei die Bedingungen diktieren, eine Machtstellung, die die chinesische Regierung gnadenlos ausnutzt, mit dem Ziel: Entwicklung ohne Kontrollverlust. Chinas Führung hat hoch gepokert, aber den Konzernen bleibt offenbar keine Wahl: Der Automobilabsatz stagniert weltweit und dem Management sitzen die Analysten im Nacken, die positive Geschäftszahlen oder zumindest zukunftsweisende Geschäftsabschlüsse sehen wollen. Man muss in China dabei sein und dafür jede Kröte schlucken.

 

 

Ausländische Autokonzerne durften ausschließlich in Gemeinschaftsunternehmen investieren, in denen die Chinesen die Mehrheit halten. Deren Zahl ist begrenzt. Durch Fusionsanordnungen der Regulierungsbehörden wurde sie noch weiter verringert. Daher müssen zwei oder drei Autokonzerne um denselben chinesischen Partner buhlen. Der Preis ist hoch: Er kostet westliche oder japanische Konzerne Milliardeninvestitionen und ihr Know-how, ohne dass sie die Gewissheit haben, dass sich ihr Engagement tatsächlich einmal rechnet und sie auf Dauer eine marktbeherrschende Stellung gewinnen könnten. Im Gegenteil, sie müssen damit rechnen, dass ihre Kooperationspartner mit Hilfe des importierten Know-hows erfolgreich Konkurrenzmodelle im Markt platzieren.

 

 

Die Bussparte von Daimler-Benz musste dies schmerzlich erfahren, eine hundert Millionen Euro schwere Investition wurde ein Flop. Statt der geplanten 7.000 Luxusbusse jährlich, liefen nur wenige hundert vom Band. Der chinesische Partner hingegen produziert in unmittelbarer Nachbarschaft in einem neuen Werk 8.000 Busse pro Jahr, mit dem Know-how von Daimler-Benz, aber in eigener Regie.

 

 

Zu den Kröten gehört auch, dass Gewinne nicht ins Ausland transferiert werden dürfen. Sie müssen in China reinvestiert werden. Dass solche und ähnliche Restriktionen den WTO-Richtlinien krass widersprechen, lässt die Chinesen kalt. Wer sich lauthals beklagt, muss mit schmerzlichen Folgen rechnen.

 

 

Wenn die Vorschriften auch pro forma in letzter Zeit gelockert wurden, werden Versuche, dem Konkubinensystem zu entkommen, hart abgestraft. BMW kann ein Klagelied davon singen. Hort Teltschik, von 1993 bis 2000 im BMW-Vorstand, gab den Oberschlauen. Entgegen dem dringlichen Rat der Planungsbehörden wollte Teltschik keine Kooperation mit einem der großen Staatsunternehmen, sondern suchte für BMW ein kleines, privates Unternehmen. Ein Vertrag kam zwar zustande. Wegen vorgeblicher Steuerschulden wurde die Kooperationsfirma jedoch in staatliche Regie überführt und BMW kämpft seitdem mit den Tücken einer rachsüchtigen chinesischen Bürokratie.

 

 

Das Konkubinensystem, in der Autobranche entwickelt, wenden die Chinesen zunehmend auch in anderen Wirtschaftszweigen an. China lässt sich seinen Fortschritt so vom globalen Kapital finanzieren. Das ist wirtschaftsgeschichtlich eine Innovation und dem üblichen Umgang von Konzernen mit Entwicklungsländern diametral entgegengesetzt. Dass die chinesische Regierung dieses Erfolgsmodell zum eigenen Nachteil ändern wird, ist nicht zu erwarten.

 

 

 

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 China verfolgt eine Strategie, die an asiatische Kampfsportarten erinnert: Es nützt die Energien der Weltkonzerne für seine eigenen Ziele, indem es ihr Know-how anzapft. Hinzu kommt, daß China eine längere Aufschwungphase haben wird, als Japan: Das Land ist viel größer und es wird mindestens fünfmal länger dauern, bis seine Märkte gesättigt sind. Das könnte, wenn nicht dazwischenkommt, hundert Jahre Aufschwung bedeuten.

 

Frank Sieren

 

 

China bleibt stabil

 

 

Die Spekulationen über eine bevorstehende chinesische Wirtschaftskrise halten alle drei Autoren für falsch. Der chinesische Boom ist keine hohle Blase. Er beruht auf einem funktionierenden Geschäftsmodell. Er lebt nicht von Schulden und wilden Versprechungen zukünftiger Gewinne, sondern von realen Investitionen und einem steigenden Lebensstandard der 1,3 Milliarden Bürger des Landes. Die Entwicklung ist atemberaubend und sicherlich nicht problemfrei. Jedoch hat China seine Schwierigkeiten erstaunlich gut im Griff, darin sind sich alle drei Autoren einig.

 

 

Die KPCh diskutiert offen die drängenden Probleme des Landes und sie ergreift Maßnahmen um die Probleme zu lösen. Das ist der europäische Beobachter von einer kommunistischen Partei nicht gewöhnt

 

 

Ein Problem ist etwa die wachsende Zahl der Wanderarbeiter. Sie ist Folge der Landflucht unterbeschäftigter Bauern in die Städte, in denen aber zu wenig neue Arbeitsplätze entstehend. Um gegenzusteuern, steigert die Regierung massiv die Einkommen der Bauern.

 

 

Dem wachsenden Energiehunger des Landes begegnet die Politik mit einer Doppelstrategie: Ausbau der Stromkapazitäten und Anstrengungen beim Energiesparen. Auf beiden Ebenen investiert sie massiv in Forschung und Entwicklung: Ein neues innovatives Stromnetz soll ebenso Erleichterung schaffen wie die Entwicklung von Niedrigenergiehäusern und der Ausbau erneuerbarer Energien.

 

 

China ist ein Eldorado der Forschung und Entwicklung. Es gibt mehr Geld für Forschung aus als Deutschland und das bei einem Viertel der Lohnkosten. Während in China 250.000 Informatiker jährlich ihr Studium abschließen, sind es in Deutschland 5.000. Die Zahl der Hochschulen und Universitäten in China ist im Jahr 2004 um 179 auf 1.731 gestiegen, insgesamt haben sich 2004 mehr als 14 Millionen Studentinnen und Studenten an chinesischen Hochschulen und Universitäten eingeschrieben. Kein Land hat zudem mehr Studenten im Ausland als China.

 

 

Die chinesische Politik erstickt Fehlentwicklungen schon im Keim und dabei scheut nicht vor drakonischen Methoden zurück. Die GITIC, eine provinzeigene Finanzierungsgesellschaft der Provinz Guangdong, häufte in den 1990ern Anleihen und Kredite in Milliardenhöhe an und finanzierte so ihre Boomprovinz üppig mit ausländischen Kapital. Eine bedrohliche Blase entstand, ein Angriffspunkt für internationale Gläubiger.

 

 

Die Zentralregierung handelte schnell und entschlossen. Die Provinzherrscher wurden ihrer Posten enthoben und Guangdong wurde wieder streng von der Zentrale geführt. Die GITIC und weitere Institute wurden wegen Überschuldung geschlossen. Eine bevorzugte Haftung der Zentralregierung für die Schulden ausländischer Gläubiger wurde abgelehnt, die Provinz hatte nicht, wie gesetzlich vorgeschrieben, für ihre Finanzierungsgeschäfte offizielle Garantien der Zentrale eingeholt. Trotz wilder Proteste, die bis in den deutschen Bundestag vordrangen, verloren 110 ausländische Banken 75% ihrer Einlagen. Dass Schuldenblasen auf Kosten der internationalen Banken bereinigt werden und nicht auf Kosten des Steuerzahlers des Schuldnerstaates widerspricht der üblichen Praxis der letzten 30 Jahre.

 

 

Die erfolgreiche Konkubinenwirtschaft und die drastischen, aber effektiven Methoden, die Spekulationsblasen schon im Ansatz verhindern, zeigen, dass eine konfuzianische Wirtschaftspolitik effektiver als eine liberale sein kann.

 

 

 

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 Die Vorstellung, dass die deutsche Demokratie der Weisheit letzter Schluss sei und die chinesische Diktatur hoffnungslos veraltet, kann uns in eine große Schieflage bringen. Die Demokratie ist wahrscheinlich die überzeugendste Idee des 20.Jahrhunderts, was nicht bedeutet, dass sie in ihrer gegenwärtigen Form auch die erfolgreichste des 21.Jahrhunderts wird.

 

Frank Sieren

 

 

Die chinesische Politik ist nicht nur in der Stärkung der Binnenwirtschaft der westlichen überlegen, auch global bringt China die Verhältnisse zum Tanzen.

 

 

 

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 China ist ein Entwicklungsland, das sich von der WTO nicht in die Knie zwingen lässt, was Globalisierungskritikern eigentlich gefallen müsste. Das Land unterläuft das Ziel der Welthandelsorganisation, die den Handel um jeden Preis liberalisieren will. Es leistet sich, die soziale Stabilität im eignen Land an erste Stelle zu setzen. Die Grundfesten der WTO-Politik werden dadurch erschüttert.

 

Frank Sieren

 

 

Der Westen in der Globalisierungsfalle

 

 

Während der Asienkrise bewies die chinesische Strategie ihre Vorzüge. Frank Sieren beschreibt detailliert, wie die brachiale Marktöffnungspolitik des IWF gegenüber den asiatischen Tigerstaaten 1997/98 Chinas Machtposition in Asien konsolidierte. Es lehnte eine Abwertung seiner Währung ab und hielt sie weiter an den Dollar gekoppelt. Damit konnte die internationale Finanzspekulationen keinen Einfluss auf China gewinnen. China wurde zum Hort der Stabilität und auch Malaysia, das dem chinesischen Konzept folgte, erholte sich schnell wieder von der Krise, während die asiatischen Tiger durch die Rezepte des IWF geschwächt wurden. China nutzte diese Lücke geschickt und etablierte seine Macht in Asien.

 

 

China entzieht sich systematisch dem Einfluss der internationalen Finanzmärkte. Es ist finanziell unabhängig, verteidigt diese Unabhängigkeit mit allen Mitteln und hilft anderen Staaten dabei, dieselbe Unabhängigkeit zu gewinnen. Es liegt einzig in den Händen der chinesischen Nationalbank, ob China seine Währung auf- oder abwertet oder dem Spiel des Marktes überlässt Der Einfluss von IWF und Weltbank auf die chinesische Finanz- und Währungspolitik ist gleich Null.

 

 

Durch diese Unabhängigkeit ist China auch finanzpolitisch ein Schwergewicht, das den USA auf den Finanzmärkten auf gleicher Augenhöhe gegenübertritt. Das Schicksal des Dollar befindet sich zunehmend in den Händen Chinas.

 

 

"Die Dollar-Bombe" titelte der Tagesspiegel am 20.11.2004 im Wirtschaftsteil. Und weiter hieß es: "Amerikas Abstieg zum weltgrößten Schuldner wird zur Gefahr für die Weltwirtschaft: Chinas Regenten haben es in der Hand, ob der Greenback abstürzt."

 

 

Die USA verlieren zusehends ihre wirtschaftspolitische Souveränität: Die Handelsströme mit China lassen Chinas Reichtum stetig wachsen und bluten die USA aus, ohne dass die USA irgend etwas dagegen tun könnten. Sie haben ihre Industrieproduktion, insbesondere ihre Konsumgüterproduktion nach China ausgelagert. Damit kommen sie aber aus der Verschuldungsfalle nicht mehr heraus.

 

 

Eine deutliche Zinserhöhung durch die FED zur Stabilisierung des Dollarkurses, ist ausgeschlossen. Die innere Verschuldung der USA, insbesondere die exorbitant angewachsenen Hypothekenschulden und die mehr oder weniger faulen Kreditkartenschulden würden kollabieren, und die USA müssten gewaltige Schuldzinsen auf ihre Staatspapiere an ihre Gläubiger zahlen, womit das amerikanische Defizit nur weiter explodieren würde. Eine Stabilisierung des Dollarkurses wäre auf diesem Wege nicht erreichbar.

 

 

China wird zum Schrecken amerikanischer Strategen und Wirtschaftstheoretiker. Vor kurzem irritierte etwa der Papst der amerikanischen Wirtschaftswissenschaften, Samuel A. Huntington, die ökonomische Gemeinde. Er legte modelltheoretisch dar, dass China im Handel mit den USA der Sieger, die USA dagegen der Verlierer sein könnte. Die US-Invasion im Irak kann man vor diesem Hintergrund als Versuch verstehen, der wachsenden Macht Chinas das Öl abzugraben.

 

 

 

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 Für China war der dritte Irakkrieg die wohl härteste Niederlage in der kurzen Geschichte der Reintegration in die Weltwirtschaft. Einiges spricht dafür, dass es nicht die letzte Auseinandersetzung zwischen China und den USA um Bodenschätze gewesen ist. Womöglich wird der dritte Irakkrieg nicht als "Kampf der Kulturen" (...), sondern als der erste chinesisch-amerikanische Kampf um die Ölvorräte der Welt in die Geschichte eingehen.

 

Frank Sieren

 

 

Jedoch sind einer kriegerischen amerikanischen Eindämmungspolitik enge Grenzen gesetzt. Chinas Einkäufer sind weltweit unterwegs. Die USA dagegen können nicht in allen Ölländern der Erde ihre Armeen aufmarschieren lassen. Schon jetzt stoßen die USA mit dem Irakkrieg an die Grenzen ihrer militärischen und finanziellen Kapazitäten.

 

 

Quo vadis Europa?

 

 

Auch für Europa wird der Aufstieg Chinas nicht ohne Folgen bleiben. Wolfgang Hirn sieht die Zukunft schwarz. Deindustrialisierung oder Protektionismus sind für ihn die wahrscheinlichsten Alternativen. Für Karl Pilny hat Europa schon längst den Anschluss an die Entwicklung verloren. Frank Sieren dagegen sieht für Europa goldenen Zeiten kommen. In seiner Phantasie wird sich Deutschland in ein Touristenparadies für Chinesen verwandeln:

 

 

 

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 Deutschland ist zum beliebtesten Reiseziel von Millionen chinesischer Urlauber geworden. Deutschland, das sind die Märchenschlösser und die lustigen Tänze der bajuwarischen Minderheit im Süden. Und Deutschland bedeutet auch, mit dem alten Transrapid im Emsland im Kreis zu fahren. Deutschland hat Rotschiefer Weinberge am Rhein, bei Berlin ein Gruselkabinett der Nazi-Vergangenheit, Industriemuseen im Ruhrgebiet mit deutschen Maschinen, die nie kaputtgehen, die aber niemand mehr braucht; das Bier natürlich, Grünkohl und Pinkel, Beethovens Fünfte, den Kölner Dom, Bratwurst. Erlebnisse, die mit deutscher Präzision auf die gehetzte Shanghaier Mittelschicht zugeschnitten sind. Schade nur, mag sich der Reisende dennoch sagen, der vielleicht im mittleren Management bei China-Volkswagen in Shanghai arbeitet und sich ins deutsche Hinterland vorgearbeitet hat, das es in Deutschland noch nicht überall aussieht wie in Rothenburg ob der Tauber, sondern dass manche gesichtslosen Mittelstädte sich mit kitschigen chinesischen Restaurants bei ihren Gästen andienen wollen - wo bleibt denn da das authentisch Deutsche, Traditionelle, das der Reisende doch in der Fremde vor allem sucht?

 

Frank Sieren

 

 

Chinesische Weltpolitik

 

 

China nutzt sein wachsendes wirtschaftliches Gewicht auch weltpolitisch. Afrika, Indien, Südamerika und Russland, aber auch die Ölstaaten im Nahen Osten gehören zu seinem Operationsgebiet. Je mehr sich die USA auf ihren Unilateralismus versteifen, desto leichter fällt es China Verbündete zu finden und strategische Allianzen zu schmieden.

 

 

China unterstützt Russland tatkräftig dabei, sich vom Gängelband des IWF zu befreien und die russischen Ölreserven wieder unter die Kontrolle des russischen Staates zu stellen. Zur Finanzierung der Übernahme von "Yuganskneftegas", einem Filetstück des Yukoskonzern, zahlte die chinesische nationale Ölgesellschaft CNPC dem russischen Staatsunternehmen Rosneft sechs Milliarden US-Dollar als Vorschuss auf zukünftige Öllieferungen, wie "russlandintern" zu berichten weiß. Die russischen Devisenreserven stiegen dadurch auf ein Rekordhoch und Russland konnte seine Schulden beim IWF vorzeitig vollständig zurückzahlen.

 

 

Aber nicht nur auf dem Öl- und Finanzsektor kooperieren Russland und China, auch im Hightech-Bereich blüht die Zusammenarbeit. Russland unterzeichnete mit den Chinesen 70 Abkommen über die Entwicklung und den Vertrieb von Hightech-Erzeugnissen und Russland will nach dem chinesischen Vorbild Technologieparks einrichten.

 

 

Bisher gibt es in Russland gerade einmal 87 Technologieparks, von denen nur 35 real funktionieren, während China über 20.000 solcher Hightech-Zonen besitzt. Zu diesem Zweck sollen "besondere Wirtschaftszonen" im IT-Bereich eingerichtet.

 

 

Der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao gerät ins Schwärmen: Vor russischen Journalisten erklärte er, dass sich die chinesisch-russischen Beziehungen derzeit in ihrer historisch besten Phase befänden und in eine neue Phase der umfassenden Entwicklung eingetreten seien.

 

 

In Südamerika spielt die chinesisch-russische Kooperation über die Bande. Venezuela will seine Öllieferungen in die USA reduzieren und sie stattdessen nach China umleiten. "Chávez hatte bereits wiederholt damit gedroht, den USA den Ölhahn abzudrehen – zuletzt Anfang des Monats sehr konkret: Er wolle die acht Raffinerien der Tankstellenkette Citgo in den USA verkaufen, die eine Tochter des venezolanischen Staatskonzerns PdVSA ist. Dadurch würde auch die Lieferung venezolanischen Öls nach Nordamerika reduziert", meldete Venezuela Avanza. Gleichzeitig kauft Chavez MiG-29-Jagdflugzeuge und Mi-35-Hubschrauber in Russland und macht damit Venezuela unabhängig von US-amerikanischen Rüstungslieferungen (Kriegsvorbereitungen in Venezuela).

 

 

Ähnliche Kooperationen existieren mit anderen südamerikanischen Ländern wie Brasilien und Argentinien:

 

 

 

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 Chinas Wirtschaftselite steht heute ohne Zögern mit dem Scheckheft parat, wenn es um dringend benötigte Rohstoffe und damit um den Wirtschaftsaufschwung im Reich der Mitte geht. So flossen vergangenes Jahr 2,2 Milliarden Dollar aus China in den brasilianischen Rohstoffsektor, dem Nachbar Argentinien versprachen die Chinesen als Gegenleistung für die Lieferung von Öl und Eisenerz sogar 20 Milliarden Dollar in den kommenden 15 Jahre.

 

 

 

Die chinesische Politik hat nicht vergessen, dass China von den Mächten des Westens übel mitgespielt wurde. Sie bleibt daher auch im Boom parteilich. "Das Schikanieren von schwächeren oder vom Glück weniger verwöhnten Ländern durch mächtigere oder reichere Länder sollte nicht ungestraft bleiben", so der chinesische Ministerpräsitent Li Peng vor dem internationalen Währungsfond 1998.

 

 

Es blieb nicht bei bloßen Worten. China unterstützt tatkräftig eine Allianz von Staaten der Dritten Welt, die innerhalb der WTO eine einflussreiche Opposition gegen den Westen bilden. Seitdem ist die WTO blockiert. Alle Ministerkonferenzen der WTO seit Seattle sind gescheitert. Die WTO steht vor einem "Scherbenhaufen", wie es die FAZ nannte.

 

 

China plündert die internationalen Konzerne aus, es blockiert die WTO, es hilft Staaten der Dritten Welt der Knebelung durch den IWF zu entkommen und es hält die Zukunft des Dollar in seinen Händen. Seine Wirtschaftspolitik ist der des Westens überlegen und es schmiedet weltweite Allianzen. Es mehren sich die Zeichen, dass die Tage der US-amerikanisch dominierten Globalisierung gezählt sind und der Westen an den Rand gedrängt wird. Die Berufung des Neocons Paul Wolfowitz an die Spitze der Weltbank kann man als Antwort der USA auf die veränderten Machtverhältnisse verstehen.

 

 

Wir sollten uns auf turbulente Zeiten einstellen.

 

 

Was kostet die Welt?


Ralf Grötker 30.03.2005
Kosten-Nutzen-Analysen zeigen: Wir unternehmen zu wenig, um uns gegen zwar unwahrscheinliche, aber katastrophale Risiken vom Kaliber etwa eines Asteroideneinschlags zu schützen
Entführte Flugzeuge, die gegen ein Hochhaus gelenkt werden; eine Flutwelle, die mehreren hunderttausend Menschen das Leben kostet - im Werbespot und im Science-Fiction Film wurden diese Katastrophen in Szene gesetzt, bevor sie sich in der Realität ereigneten. Gerechnet hatte trotzdem niemand mit diesen Ereignissen - auch wenn sich im Nachhinein herausstellte, dass ein Tsunami, wie er Weihnachten 2004 die Küsten des Indischen Ozeans verwüstete, statistisch betrachtet keine große Seltenheit ist (Die Weihnachtsflut kam nicht wirklich überraschend), und auch ein Anschlag wie jener auf das WTC von der North American Aerospace Defense Command (NORAD) für so wahrscheinlich gehalten wurde, dass bereits vor dem 11. September Übungen für den Ernstfall durchgeführt wurden (Anschläge mit entführten Flugzeugen als Bomben waren vorstellbar).




Wie steht es um andere denkbare Katastrophen? Unternehmen wir genügend zum Kampf gegen die Ausbreitung von Infektionskrankheiten und den globalen Bioterrorismus, gegen Cyberterrorismus und gegen Gefahren, die uns durch Nanoroberter und Artificial Intelligence erwachsen könnten? Fassen wir die Gefahr einer plötzlichen globalen Erwärmung wirklich hinreichend realistisch ins Auge? Dieser Frage geht Richard Posner in seinem neuen Buch Catastrophe. Risk and Response nach - und kommt zu überraschenden Ergebnissen.

Auch wenn sie noch so realistisch gehalten sind: Science-Fiction Romane und Katastrophenfilme wie "Deep Impact", Armaggeddon, The Day after Tomorrow) oder der Terminator tragen durch ihre Verquickung von Technik-Phantasien mit religiös inspiriertem Weltuntergangsglauben dazu bei, dass wir Warnungen vor Asteroideneinschlägen, Klimakatastrophen oder einer Machtergreifung der Maschinen als lächerlich abtun. Alles nur Fantasy und Fiction!

Dies zu glauben, ist ein Fehler, meint Richard Posner. Richard Posner, Richter am U.S. Court of Appeals for the Seventh Circuit, gilt als führender Kopf der Law and Economics-Bewegung und ist Autor von Büchern und Aufsätzen über geistiges Eigentum, Privacy, die Lewinsky-Affäre und die umstrittene US-Präsidentschaftswahl im Jahr 2000. Posner hat nachgerechnet - und eine Kosten-Analyse erstellt, die uns nahe legt, dass wir mehr zum Schutz von Megakatastrophen unternehmen müssten, als wir das derzeit tun.

"Von Asteroid erschlagen" - so wahrscheinlich wie ein Flugzeugabsturz

Einer der Fälle, denen Posner nachgeht, ist die Gefahr, dass die Erde mit einem Asteroiden zusammenstößt. Posner schätzt, dass 1.148 Asteroide mit einem Durchmesser von einem Kilometer und mehr als möglicherweise gefährliche erdnahe Objekte ( "PHOs" = potentially hazardous near-earth objects) betrachtet werden müssen. Das persönliche Risiko, bei einem Asteroideneinschlag ums Leben kommt, wird von Wissenschaftlern, die Posner zitiert, ungefähr so hoch eingeschätzt wie die Wahrscheinlichkeit, bei einem Flugzeugabsturz oder bei einer Flut tödlich zu verunglücken.

So könnte es aussehen, wenn ein großer Asteroid auf der Erde einschlägt. Bild: Nasa

Statistisch betrachtet, schreibt Posner, ereigne sich alle 500 bis 1.000 Jahre ein Zusammenstoß eines PHO mit der Erde (Gewaltiger Asteroid fliegt nahe an der Erde vorbei). Selbst ein kleiner Asteroid mit einem Durchmesser von nur fünfzig Metern, wie er 1908 im sibirischen Tunguska einschlug (Was, wenn sich eine "fat banana" in unseren Planeten bohrt?), setzt eine Energie von zehn bis fünfzehn Megatonnen frei. Ein Land wie Belgien würde durch einen solchen Einschlag von der Landkarte radiert. Einige Geologen und Paleontologen glauben, dass der Einschlag eines Asteroiden mit einem Durchmesser von zehn Kilometern in Mexiko vor 65 Millionen Jahren zum Aussterben der Dinosaurierer führte. Auch die menschliche Rasse würde durch einen solchen Einschlag vernichtet werden. Mit Kollisionen dieser Größenordnung, so Posner, sei alle 50 Millionen bis 100 Millionen Jahre zu rechnen.

Ein Asteroiden-Warnsystem

Ein Einschlag alle 50 bis 100 Millionen Jahre - das ist nicht gerade häufig. Aber wenn man davon ausgeht, dass ein solcher Asteroid sechs Milliarden Menschen töten würde, und den Schaden aufs Jahr umrechnet, sieht die Sache anders aus: die erwartbare Anzahl der Todesfälle beträgt dann immerhin achtzig pro Jahr!

3,9 Millionen Dollar gibt die NASA jedes Jahr aus, um einen Katalog aller erdnahen Objekte aufzustellen. Maßnahmen zur Bekämpfung der Gefahr sind mit diesem Frühwarnsystem allerdings noch nicht verbunden: Um einen Asteroiden zum Explodieren zu bringen oder aus seiner Bahn zu werfen, bräuchte es größere militärische Anstrengungen (Sancho beobachtet Hidalgo). Gegen kleinere Einschläge allerdings könnte man sich bereits mit rechtzeitigen Evakuationen wappnen.

Die Summe von 3,9 Millionen Dollar muss man auch in Relation zum möglichen Schaden betrachten. 3,9 Millionen, rechnet Posner vor, wären zwar, quasi als Versicherung, angemessen, wenn man allein die statistisch extrem unwahrscheinliche Variante eines Einschlages ins Auge fasst, der zur Auslöschung der gesamten Menschheit führt. In dieser Rechnung aber sind noch nicht die kleineren Unfälle enthalten, die mit einer jährlichen Wahrscheinlichkeit von 1:250.000 auftreten und immerhin noch 1,5 Milliarden Menschen töten können.

Der Wert des Lebens

Die maßgebliche Größe für die Berechung der Auswirkungen von Megakatastrophen ist der Wert eines einzelnen menschlichen Lebens. Anhand von Versicherungsverträgen und von Gefahrenzulagen für besonders risikoreiche Berufe, aber auch mit Blick auf verbreitete Einstellungen gegenüber Risiken, die sich am Gebrauch von Sicherheitsgurten beim Autofahren oder am Konsum von Zigaretten ablesen lassen, beziffern US-Ökonomen diesen Wert eines Lebens auf vier bis neun Millionen Dollar. Genauer gesagt: Beträgt das Risiko, tödlich zu verunglücken, 1:1000, fordern die meisten Menschen dafür eine Kompensation von vier bis neun Millionen Dollar.

Aber im Umgang mit diesen Zahlen, erklärt Posner, ist Vorsicht geboten. Denn man kann nicht schlussfolgern, dass bei einem Risiko von eins zu einer Million sich die genannte Summe im entsprechenden Maße verkleinert. Die mathematische Funktion, welche beschreibt, mit welchem Preisschild Menschen ihr Leben versehen, ist nichtlinear. Ist das Risiko sehr groß, steigt die Summe, die verlangt wird, um das Risiko in Kauf zu nehmen, ins Unendliche. Geringe Risiken hingegen ist man bereit, auch dann zu tolerieren, wenn der Gewinn, den man dafür erhält, vergleichsweise gering ist. (Die Tatsache, dass viele Menschen nur um einer geringer Zeitersparnis halber das Risiko auf sich nehmen, bei Rot die Straße zu überqueren, zeugt davon.)

Dass unsere Präferenzen sich nichtlinear verhalten, hat eine paradoxe Konsequenz: Der Wert eines Lebens ist größer, wenn es um einen eher wahrscheinlichen Unfall, und kleiner, wenn es um einen unwahrscheinlichen Unfall geht. Vereinfacht dargestellt, belaufen sich nach dieser Rechnung die Kosten für eine extrem unwahrscheinliche Megakatastrophe fast auf Null - während der Schaden eines zwar wahrscheinlichen, aber geringeren Unfalls immens ist. Und zwar selbst dann, wenn beide Fälle, mathematisch betrachtet, äquivalent sind.

Simulation des Einschlags eines Komets oder Asteroiden mit einem Durchmesser von 1 km im Meer. 300 bis 500 Kubikkilometer Wasser würden sofort verdampfen. Der Aufschlag entspräche einer Energie von 300 Gigatonnen TNT, das wären die Zehnfache Explosivkraft aller in den 60er Jahren, dem Höhepunkt des Kalten Kriegs, vorhandenen Atomwaffen. Bild: Sandia National Laboratories

Mehr für die Asteroidenabwehr!

Mit Hilfe dieser Überlegungen lässt sich nun berechnen, welchen Schaden ein Asteroid verursacht, der mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:250.000 (d.h. alle 250.000 Jahre) auf die Erde einschlägt und immerhin noch 1,5 Milliarden Menschen tötet.

In diesem Wahrscheinlichkeitsbereich beträgt der Wert eines Lebens nach Posners Rechnung etwa zwei Millionen Dollar. Der zu erwartende Schaden durch einen Einschlag eines solchen Asteroiden beläuft sich demnach auf zwölf Milliarden Dollar. Dies bereits aber ist ein Vielfaches dessen, was allein die USA jährlich zur Abwehr von erdnahen Objekten ausgibt. Die Kosten, die eine (seltenere) Megakatastrophe von größerem Ausmaß verursachen würde, sind in der Rechnung noch nicht enthalten.

Katastrophe im Teilchenbeschleuniger

Auf ähnliche Weise geht Richard Posner ein weiteres Katastrophenszenario an: einen Unfall in einem Teilchenbeschleuniger wie dem Brookhaven National Laboratory in Long Island (RHIC) oder der geplanten Anlage am CERN in Genf (Materie und Antimaterie), bei dem es zur Entstehung von so genannten "seltsamen Quarks" oder "strangelets" kommt. Laut Martin Rees, Physikprofessor in Cambridge und britischer "Astronomer Royal", den Posner als Autorität zitiert, könnte ein "strangelet" alles, mit dem es in Berührung käme, in eine seltsame neue Form von Materie verwandeln. Ein "strangelet-Unfall", so Rees, könnte den gesamten Planeten Erde in eine hyperdichte Kugel von nur hundert Metern Durchmesser verwandeln.

Es ist unklar, wie wahrscheinlich ein solcher Unfall ist. Posner setzt das jährliche Risiko bei eins zu zehn Millionen an - einem Querschnitt der Expertenmeinungen. Der Direktor des RHIC in Brookhaven und sein Team geben eine höhere Wahrscheinlichkeit als obere Grenze an: eins zu einer Million.

Was das bedeutet, kann man sich leicht ein einem Beispiel deutlich machen: Angenommen, die Römer hätten im Jahre 400 v. Chr. einen Teilchenbeschleuniger mit diesem Risikofaktor in Betrieb genommen. Dann bestände, auf 2.000 Jahre betrachtet, eine Unfallgefahr von 1 zu 500! Ein anderes Beispiel: Ein jährliches Risiko von eins zu einer Million, dass jemand an Arsen-vergiftetem Trinkwasser stirbt, würde den USA einen Zoll von 300 Todesopfern im Jahr abverlangen.

600 Trillionen Dollar kostet die Auslöschung der Menschheit

Bei einer Seltsame-Quarks-Katastrophe steht das Überleben der gesamten Menschheit auf dem Spiel. Welchen Wert soll man hierfür ansetzen?

Posner führt zwei Faktoren an, die zusätzlich zu der nichtlinearen Funktion, anhand sich der Wert eines Lebens bestimmt, zu beachten sind. Zum einen ist es eine psychologische Tatsache, dass wir Risiken, die unterhalb einer gewissen Schwelle liegen, gänzlich außer Betracht lassen - und auch außer Betracht lassen wollen. Zum anderen aber gewichten wir Risiken derselben Größenordnung, die mit besonders schauerlichen Szenarien verbunden sind, wiederum um Vieles stärker, als dies nach Maßgabe der nichtlinearen Präferenzfunktion geboten wäre. Die durch Markterhebungen dokumentierte Bereitschaft von Flugpassagieren zum Beispiel, in der Folge von 9/11 deutlich höhere Ticketpreise und aufwändigere Kontrollen zu akzeptieren, zeugt davon.

Wahrscheinlich sollte man diesen "Katastrophenfaktor" mit berücksichtigen, wenn man kalkulieren will, was die Auslöschung der Menschheit, in Geld ausgedrückt, kostet. Posner setzt trotzdem lediglich einen Mindestwert an: Er geht aus von der Summe, die sich nach der nichtlinearen Nutzenfunktion für Risiken der Größenordnung einer Seltsame-Quark-Katastrophe ergibt. Das sind 50.000 Dollar für jedes Lebens. Diese Summe verdoppelt er lediglich - weil einerseits zwar auch zukünftige Leben verhindert wird, es aber andererseits, wenn die gesamte Menschheit ausgelöscht wird, keine trauernden Hinterbliebenen gibt. Bei sechs Milliarden Menschen auf dem Planeten Erde macht das 600 Trillionen Dollar. Umgerechnet aufs Jahr ergeben sich, bei einem Risiko von ein zu zehn Millionen, daraus jährliche Kosten in Höhe von sechzig Millionen Dollar.

Gewinne und Verluste

Lohnt sich bei solchen Durchschnittskosten der Betrieb eines Teilchenbeschleunigers überhaupt noch? In der Gesamtrechung müssen diese sechzig Millionen zu den jährlichen Betriebskosten (130 Millionen Dollar) hinzuaddiert werden. Außerdem kommen noch Baukosten in Höhe von 600 Millionen Dollar hinzu.

Der durch einen Teilchenbeschleuniger zu erwartende Nutzen, den man diesen Zahlen gegenüber stellen muss, lässt sich nicht klar kalkulieren: Der gesellschaftliche Gewinn ist ungewiss und der Nutzen für die Grundlagenforschung schwer zu ermessen und noch schwerer zu beziffern, da es für Forschungsresultate dieser Art nur in geringem Maße einen Markt gibt.

Aber egal: was immer auch, auf lange Sicht, der soziale Nutzen von wissenschaftlichem Fortschritt sein wird, die uns der Teilchenbeschleuniger ermöglicht: Glücklicher wird uns dieser Forschritt kaum machen (Größtmögliches Glück für alle!). Und was den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn betrifft, resümiert Posner, sollten wir uns an eine ökonomisch zurechtgebogene Version des Vorsorgeprinzips halten. Selbst bei einer Gewinnchance von fünfzig Prozent wäre kaum jemand bereit, seinen gesamten Besitz zu verwetten:

Simpel ausgedrückt: Der Schaden durch den Verlust eines Armes würde größer sein als der Gewinn, den man durch den Erwerb eines dritten Armes erzielen könnte.


Die ganze Welt der Katastrophen

Auf ähnliche Weise nähert sich Richard Posner auch anderen Katastrophenszenarien: neuen Pandemien) und im Labor gezüchteten Killerviren, die Bioterroristen frei zu Verfügung stehen, plötzlicher globaler Erwärmung, den Risiken von Nanorobotik und Artificial Intelligence, Cyberterrorismus sowie der Ausbreitung von genetisch modifiziertem Saatgut).

Nicht in jedem Fall lassen sich die Risiken, der mögliche Schaden und die Kosten, die zur Verhinderung der Katastrophe aufgewendet werden müssten, akkurat beziffern. Eine generelle Linie wird trotzdem deutlich: Selbst wenn man die Risiken so niedrig wie möglich ansetzt, wird die aktuelle Politik den Gefahren kaum gerecht. Wir müssten mehr ausgeben für die Abwendung von Asteroideneinschlägen, Bioterror, globaler Erwärmung und anderer Katastrophen, als wir dies derzeit tun. Und wir müssen die Risiken wissenschaftlicher Forschung gewissenhafter prüfen.

Dazu, so Posner, bräuchte es eine neue Form der Politikberatung, die sich auf Kosten-Nutzen-Analysen versteht. Das wäre eine Aufgabe für Juristen - wie er selbst einer ist. Dafür allerdings, betont Posner, müssten diese von ihren Vorlieben für die schöngeistigen Humanwissenschaften abgebracht und in ihrer Ausbildung stärker wissenschaftlich geschult werden. Denn genauso wenig, wie die soziale Kontrolle der Wissenschaft den Forschern selbst überlassen bleiben könne, dürfe sie wissenschaftlichen Analphabeten in die Hände gelegt werden.

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