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ZENSUR BEI MTV:

Give war a chance - networking

Internes MEMO von MTV Europe:

 

MTV (Europe)
Recommendations for the scheduling and content of videos and programmes

  Dear all

In the light of the outbreak of war in Iraq in the last 12 hours, our recommendations for the scheduling and content of videos and programmes are as follows:

1. Video recommendations

Obviously, there will be heightened public sensitivity to representations of war, soldiers, bombing, destruction of buildings and public unrest at home. The ITC Programme Code requires us not to broadcast material which offends against good taste or is offensive to public feeling. We therefore recommend that videos featuring the following are not shown at the moment:

war
soldiers
war planes
bombs
missiles
riots and social unrest
executions
other obviously sensitive material

Examples include:
System of a Down "Boom!" - anti-war video containing facts and figures about, amongst other things, the projected casualties in the war in Iraq.
Aerosmith "Don't want to miss a thing" - contains footage from the film "Armageddon".
Manic Street Preachers "So Why So Sad" - contains footage of soldiers being killed and man throwing a hand grenade.
Passengers/U2 "Miss Sarajevo" - contains missiles, guns and buildings being blown up.
Bon Jovi "This ain't a love song" - contains war scenes and victims in distress.
Iggy Pop "Corruption" - contains wars, riots, guns and captions "we love guns" and "we love rifles".
Paul Hardcastle "19" - contains war footage.
Radiohead "Lucky" - contains war footage including injured children.
Billy Idol "Hot in the City" - contains an atomic explosion.
Armand van Helden "Koochy" - contains an atomic explosion and ships being blown up.
Trick Daddy "Thug Holiday" - contains soldiers being killed at war.

Furthermore, videos with words such as "bomb", "missile", "war" or other sensitive words in the artist or song title should not be shown at the moment.

Examples include:
Outkast "B.O.B (Bombs over Baghdad)" - song title may offend.
Radiohead "Invasion" - song title may offend.
Megadeth "Holy Wars" - song title may offend.
Gavin Friday "You, Me and World War Three" - song title may offend.
B-52s videos.

Also, please note that some evergreen tapes contain sensitive videos e.g. until recently, the MTV2 evergreen contained the Outkast "B.O.B. (Bombs over Baghdad)". We therefore recommend that music programmers ensure that inappropriate songs are removed from the evergreen tape for the duration the war.

Please note that this is not a definitive list of videos. Please use the ITC video restrictions database to check each song before broadcast. If you are aware of any other videos featuring the above images, titled with the above words or which may be unsuitable for broadcast in the light of the outbreak of war, we recommend that these are pulled from your schedules.

2. Programme recommendations

Under the ITC's rules, we have two main obligations regarding programmes:

(a) Not to broadcast material which offends against good taste or is offensive to public feeling.
For example, no programme should contain:
(i) images of war, bombs, missiles, etc that are likely to be seen as insensitive or offensive at this time (see above for further guidance).
(ii) jokes about the war, about bombing Iraqis, about the American, Iraqi or UK troops.
(iii) comments about the war that are likely to be seen as insensitive or offensive.

Furthermore, the content of each long-form show should be considered before scheduling. Scripts for presenters and news pieces must also be treated with great sensitivity.

(b) To ensure that our programmes treat the issue of war in Iraq with "due accuracy" and "due impartiality".
Therefore, we need to ensure that any programme which deals with issue of war in Iraq:
(i) deals fairly with each opposing view. It cannot be one-sided. Both sides of the argument need to be dealt with, and dealt with fairly.
(ii) does not give the view of MTV or the views of MTV presenters.
(iii) does not give facts, or opinions based on facts, that are incorrect e.g. an anti-war argument that states the war is bad because 50 million Iraqis will die (the official estimates are much lower than that), a pro-war argument that states Saddam Hussein should be toppled because he is going to invade Israel (there is no evidence of this). You need to ensure that any facts included in your programmes are accurate, and verified by an official source e.g. an Amnesty International report, a UN report, Reuters news service.

If you are unsure about the suitability of a video or programme, please call the Broadcast Standards Managers: Mark (x6195 (HC)) Dan (x7734 (HC)) or Aurea (x6197 (HC)).

Mark
Mark Sunderland
Broadcast Standards Manager
MTV Networks Europe




































































Interview: Wolfgang Pomrehn
 
Atomanlagen im Irak geplündert: Schauen US-Besatzer sorglos zu?
 
Leiter der Abteilung Energie bei Greenpeace Deutschland
 
F: Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA hat dieser Tage einen Bericht über die Atomanlage Tuwaitha im Irak vorgelegt, den Sie kritisieren. Weshalb?

Das Erschreckende an diesem Bericht sind seine Lücken. Das ist aber weniger der IAEA vorzuwerfen als der US-Verwaltung, die der UN-Organisation nur erlaubte, nach dem Verbleib von 500 Kilogramm Uran zu forschen, das aus der Anlage entwendet worden war.

Wir sind mit einem eigenen Team vier Wochen lang vor Ort gewesen und haben haarsträubende Zustände vorgefunden. Tuwaitha liegt zirka 40 Kilometer südlich von Bagdad. Unsere Mitarbeiter haben überall in den umliegenden Dörfern radioaktives Material gefunden. Das waren nicht nur die Fässer mit Yellow Cake, wo kleine Jungen, weil sie dachten, das sei Milchpulver, sogar davon gegessen haben. Yellow Cake ist ein Uranprodukt, das aus Erz gewonnen wird und zur Herstellung von Brennstäben dient. Es besteht zu 70 Prozent aus Uran. Es ist zwar nicht sehr strahlungsintensiv, aufgrund der chemischen Eigenschaften des Urans aber hochgiftig.

Doch Yellow Cake ist nur ein Teil des Problems. Das andere sind Strahlenquellen, wie Stahlplatten, Stahlrohre, alte Schrauben, die in der Atomanlage massiv verstrahlt worden waren und nun nach dem Zusammenbruch der staatlichen Ordnung einfach für den ganz normalen Hausgebrauch ausgebaut wurden. In einer Schule, in der solches Material verwendet wurde, haben wir zum Beispiel eine Radioaktivität gemessen, die um das Dreitausendfache über der natürlichen lag. In einem Privathaus lagen die Werte sogar um das Zehntausendfache über den normalen. Die Gefahr besteht nicht unbedingt darin, daß man sofort verstrahlt wäre, wenn man sich diesen Materialien nähert, sondern in der Dauerbelastung. Radioaktivität kann man weder riechen noch sehen, und daher ist den Menschen die Gefahr nicht bewußt.

F: Und von all dem ist im IAEA-Bericht nichts zu finden?

So ist es. Die IAEA hatte nicht das Mandat, eine umfassende Erhebung über das Ausmaß der Plünderung und die Gesundheitsrisiken für die Zehntausenden Menschen, die in der Region leben, zu erstellen.

F: Daß die Plünderungen nicht verhindert wurden und nun weder eine Bestandsaufnahme gemacht noch das verstrahlte Material eingesammelt wird, deutet auf einen recht fahrlässigen Umgang der US-Besatzer mit der Gesundheit der Zivilbevölkerung hin.

Das kann man so sagen. Man hat eben zuerst die Ölpipelines und das Ölministerium gesichert und hat in den ersten Wochen Museen und Einrichtungen wie diese Atomanlage einfach sich selbst überlassen. Vielleicht war es keine Absicht, aber grob fahrlässig ist wohl die richtige Bezeichnung.

F: Haben Sie auch nach den Überbleibseln von Uranmunition geforscht?

Nein. Wir haben uns auf Tuwaitha und die dortigen Plünderungen konzentriert. Mit einigen Aktionen haben wir versucht, die dortige Bevölkerung auf das Problem aufmerksam zu machen. Die Menschen müssen unbedingt aufgeklärt und medizinisch versorgt werden.
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Interview: Aljoscha Jegodka
 
Streit über kritische Forschung: Zensur an der Uni Bremen?
 
jw sprach mit Freerk Huisken, Erziehungswissenschaftler an der Universität Bremen
 
F: Sie werfen dem Rektor der Universität Bremen, Professor Dr. Wilfried Müller, politische Zensur vor. Was ist vorgefallen?

Zum zweiten Mal hat die Universität Bremen es abgelehnt, in den Organen, in denen sie über Wissenschaft und Lehre berichtet, eine Forschungsarbeit von mir vorzustellen. 2001 hieß es, bei meiner Publikation zur Rechtsextremismuskampagne der Bundesregierung handele es sich »nicht um eine wissenschafts- bzw. forschungsbezogene Veröffentlichung, sondern um einen politisch orientierten Meinungsbeitrag«. Jetzt verhinderte der Rektor höchstpersönlich die Vorstellung einer Arbeit zum Attentat von Erfurt: »z.B. Erfurt. Was das bürgerliche Bildungs- und Einbildungswesen so alles anrichtet«, Hamburg 2002. Mit dem Hinweis, die Arbeit würde »das Ansehen und die Reputation der Universität nicht mehren«.

F: Inwiefern sehen Sie darin einen Fall von politischer Zensur?

Die vorgenommene Sortierung nach Wissenschaft und »politisch orientiertem Meinungsbeitrag« stellt klar, worum es geht: In beiden Publikationen erlaube ich mir, recht grundsätzliche Argumente gegen das Schulwesen und gegen die Ausländerpolitik der Bundesregierung vorzutragen. Diese Sorte systemkritischer Einmischung in aktuelle politische Fragen gilt nicht als Wissenschaft, sondern als Politik. Wenn dagegen Wissenschaftler, die sich ihrem Selbstverständnis nach aus der Politik heraushalten, in ihrer Forschung ganz wertfrei darüber nachdenken, wie »wir« die Schande von PISA überwinden, wie »wir« das Rentenproblem lösen oder »unseren« Betrieben Kosten ersparen können, dann ist das Wissenschaft. Um ungehörige Vermischung von Wissenschaft und Politik handelt es sich deshalb nicht, weil es sich erstens um eine Parteinahme für die Sorgen der deutschen Regierung um Kapitalwachstum und nationale (Standort-)Konkurrenz handelt, die sich zweitens den Gedanken längst abgewöhnt hat, politisches und ökonomisches Interesse an wissenschaftlicher Vernunft zu prüfen.

F: In »z. B. Erfurt« vertreten Sie die These, daß die Schülergewalt gegen Schule und Lehrer auf ein gekränktes Selbstbewußtsein und nicht auf einen Mangel an diesem zurückzuführen ist. Können Sie das erläutern?

Robert S., der Attentäter von Erfurt, war – so lautet meine Hauptthese – ein Produkt schulischer Selektionsprozesse und Lernerfolge. Bei ihm handelte es sich um ein ganz normales Resultat gesellschaftlicher Erziehungsvorgänge und Erziehungseinrichtungen, das allerdings die Ergebnisse seiner durchaus gelungenen schulischen Sozialisation nicht zur Anpassung an die, sondern rücksichtslos gegen die schulische Ordnung zur Anwendung gebracht hat. Er hat gesellschaftlich akzeptierte Techniken der geistigen Akkomodation an vorgegebene Pflichten und Anforderungen gegen die Schule gewandt, statt sich mit ihnen in Schule und Beruf, Familie und Freizeit einzurichten: Verbittert darüber, vom Abitur ausgeschlossen zu sein, hat er Schule und Lehrern Rache geschworen – wie dies Schüler regelmäßig ziemlich unernst zu tun pflegen, wenn sie sich ungerecht behandelt wähnen. Robert S. dagegen hat damit ernst gemacht. Er hat sich nicht in das Urteil, er sei ein Versager, geschickt. Weder hat er sich für zu wenig leistungsfähig oder begabt gehalten, wie die Ausrede lautet, mit der Lehrer Schüler vom weiteren Bildungsgang ausschließen, noch hat er seinen Frust in Drogen und Alkohol ertränkt. Er hat das Versager-Urteil vielmehr für sich zurückgewiesen – gerade darin kommt sein Selbstbewußtsein zum Ausdruck – und den Schulverweis als nicht hinnehmbaren Angriff auf sein elitäres Selbstwertgefühl, als Gymnasiast immerhin ein zukünftiges Mitglied der gesellschaftlichen Elite zu sein, gewertet. So von seinem psychologischen Selbstideal überzeugt, fühlte er sich existentiell in seiner Ehre getroffen und hat deshalb mit dem Beschluß reagiert, sich an Lehrern gleichfalls mit existentiell wirksamer Tat zu rächen.

* Weitere Infos: http://www.fhuisken.de
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Interview: Josef Oberländer
 
»Japan geht von US-Angriff auf Nordkorea aus«
 
Gespräch Mit Taisuke Ara über die Gefahr eines Krieges gegen die KVDR, die Haltung der japanischen Regierung und die Antikriegsbewegung in Japan
 
* In Japan haben vor wenigen Monaten Hunderttausende gegen den Irak-Krieg demonstriert. Inzwischen befindet sich die Region selbst am Rande eines Krieges. Taisuke Ara (48) gehört zur Organisation Senki Kyosando, eine der wenigen Splittergruppen der neuen Linken vergangener Jahrzehnte, die sich bis heute gehalten haben. Zeitweise waren Mitglieder im bewaffneten Kampf aktiv.

F: Das Säbelrasseln in Ostasien wird immer lauter. Nach dem Irak befindet sich nun die Demokratische Volksrepublik in Nordkorea (KDVR) im Fadenkreuz der Pentagon-Strategen. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein?

Die japanische Regierung geht offenbar von einem US-Angriff auf Nordkorea aus. Kein Japaner hat Interesse daran, mit Nordkorea Geschäfte zu machen. Also verbinden die japanischen Politiker keine wirtschaftlichen Interessen mit ihrer Politik gegen Nordkorea. Damit befindet sich das Land in einer völlig anderen Situation als die Volksrepublik China, die mit ihren 1,3 Milliarden Menschen als riesiger Markt betrachtet wird.

Die jüngst verabschiedeten Notstandsgesetze wurden mit der angeblichen Bedrohung durch Nordkorea begründet. Sie regeln die Unterstützung von US-Truppen im Kriegsfall. Sie haben nicht zum Ziel, das Leben und die Sicherheit von Japanern zu schützen. Man kann jetzt verpflichtet werden, mit seinem Vermögen und seiner Arbeitskraft an militärischen Aktionen mitzuwirken. Die Regierung und das Militär können Gebäude beschlagnahmen oder zerstören, Flug- und Seehäfen kontrollieren, die Presse und den Rundfunk zensieren und Arbeiter zwangsverpflichten.

F: Was halten Sie von der »nordkoreanischen Bedrohung«?

Nordkorea ist gar nicht in der Lage, einen Krieg zu führen. Das nordkoreanische Bruttoinlandsprodukt (BIP) entspricht ungefähr zehn Milliarden US-Dollar jährlich und damit dem BIP eines kleineren japanischen Regierungsbezirks. Nordkorea hat kein Öl und führt jährlich etwa 1,5 Millionen Tonnen ein. So viel verbrauchen die japanischen »Selbstverteidigungsstreitkräfte« bei einem Manöver.

Vielleicht betont Nordkorea seine Verfügungsgewalt über Atomwaffen auch nur, weil es sich über seine mangelnde militärische Stärke im klaren ist. Nordkorea ist aber auch ein Nachbarland von Japan. Wenn die USA Nordkorea angreifen, wird Japan ebenso vollständig zerstört wie Nord- und Südkorea.

Japan und Korea haben durch ihre gemeinsame Geschichte ein enges Verhältnis. Hunderttausende Koreaner leben in Japan. Aber die japanische Regierung unterhält keine diplomatischen Beziehungen zum Norden. Japan hat sich für Angriffskrieg und Kolonialherrschaft weder entschuldigt, noch Schadenersatz für die Opfer geleistet. Natürlich ist Kim Jong-Il ein Diktator, und seine Partei unterdrückt das Volk. Ich glaube aber, daß die Regierung von Nordkorea durch das nordkoreanische Volk bekämpft werden sollte.

F: Gibt es Widerstände gegen die Nordkorea-Politik der japanischen Regierung?

Seitens der Presse und der Gewerkschaften gibt es zwar Widerspruch, aber die Bewegung gegen die Notstandsgesetze war in Japan sehr schwach. Atomwaffen sind für die Japaner immer noch ein kollektives Trauma. Die Atomwaffenfrage, das Eingeständnis der Entführung von japanischen Staatsbürgern vor Jahrzehnten nach Nordkorea und die Verletzung der japanischen Hoheitsgewässer waren Gründe, die viele Japaner davon abgehalten haben, sich an den Gegendemonstrationen zu beteiligen.

Die japanische Regierung hat die Entführungen als Vorwand dafür benutzt, die Gespräche über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Nordkorea abzubrechen. Die meisten Japaner waren schockiert, als sie von den Entführungen erfuhren. Sie hielten es für unverzeihlich, daß ein Staatsorgan die Bürger eines anderen Landes kidnappt. Deshalb wurde von der Bewegung gegen den Irak-Krieg auch keine Verbindung zur Nordkorea-Frage hergestellt.

Japan muß seine freundschaftlichen Beziehungen mit den ostasiatischen Staaten verstärken, um selbständig zu werden. Wenn eine regionale Gemeinschaft wie die Europäische Union in Ostasien entstünde, wäre Japan nicht mehr politisch und wirtschaftlich von Amerika abhängig.

F: Japan gilt nicht zuletzt wegen der 1946 von den US-Amerikanern in die Feder diktierten »Friedensverfassung« in Deutschland als stark pazifistisch orientiertes Land. Werden die Konservativen nun mit ihren Versuchen, eine Verfassungsänderung durchzusetzen, etwa Erfolg haben?

Artikel 9 der Verfassung schreibt zwar einen umfassenden Gewaltverzicht vor, aber bei den japanischen »Selbstverteidigungsstreitkräften« handelt es sich um nichts anderes als um reguläres Militär. Sie kamen mit dem Beginn der UN-Mission in Kambodscha 1992 erstmals außerhalb Japans zum Einsatz. Zahlreiche Auslandseinsätze folgten. Während des Irak-Krieges wurden US-amerikanische und britische Kriegsschiffe von japanischen Schiffen betankt. Die japanischen Rüstungsausgaben sind die zweithöchsten der Welt. Der japanisch-amerikanische Sicherheitsvertrag ist ein Militärbündnis. Die aufeinander folgenden Regierungen der Liberaldemokraten haben alle amerikanischen Kriege unterstützt – vom Koreakrieg bis zum Irak-Krieg. Oft wurden die Angriffe von japanischen Stützpunkten aus geführt.

De facto ist die Verfassung also schon geändert. Wenn das nun auch formal passiert, wird damit nur die tatsächliche Situation bestätigt. Die japanischen Konservativen finden sich nicht anhand von politischen oder ideologischen Übereinstimmungen zusammen. Sie schließen sich zum jeweils eigenen Nutzen zusammen. Da sind die angeblich Rechten und Nationalisten gleich.

F: Die Bewegung gegen den Irak-Krieg hat gezeigt, daß sich in Japan – zur Überraschung vieler – breit angelegter Widerstand mobilisieren läßt. Worin unterscheidet sich die Antikriegsbewegung dieses Jahres von früheren Protestbewegungen?

Die Bewegung gegen den Irak-Krieg hatte einen anderen Charakter als frühere Bewegungen, in denen die Kommunistische Partei, die Sozialistische Partei und die von ihnen geführten Gewerkschaften den Ton angaben. Die Mobilisierung gegen den Irak-Krieg wurde von einem Netz verschiedener Bewegungen, Nicht-Regierungsorganisationen (NGO), Bürgerinitiativen und Graswurzelorganisationen getragen. Das war nicht nur in Tokio, Osaka und Nagoya zu beobachten, sondern auch in der Provinz. Vom Grundschüler bis zum Kriegsopfer nahmen fast alle Generationen an den Demonstrationen teil.

Meinungsumfragen zufolge waren 70 bis 80 Prozent der Japaner gegen den Irak-Krieg. Das spiegelte sich auf den Demonstrationen wider. Diese Leute haben Angst, daß die Weltherrschaft Amerikas ihr Leben und ihre Kulturen zerstört. Amerika ist unter der Bush-Regierung zu großpurig und selbstherrlich. Die USA haben ohne Rücksicht auf das internationale Recht und die Charta der Vereinten Nationen einen Angriffskrieg geführt. Damit steht die bisherige internationale Ordnung vor dem Zusammenbruch. Bush will seine Kriege bis zur Präsidentenwahl 2004 fortsetzen. Er will bis zu seiner Wiederwahl »Präsident in der Kriegszeit« bleiben. Der Bush-Krieg soll nicht enden. Also wird auch die Antikriegsbewegung nicht verschwinden.

Bis Mitte der 80er Jahre waren die Kommunistische und die Sozialistische Partei wichtige Oppositionsparteien im japanischen Parlament. Beide waren auch die führenden Gruppierungen in der außerparlamentarischen Massenbewegung gegen die damaligen Kriege. Sie kämpften damals gemeinsam gegen die konservativen Regierungen.

Aber diese gemeinsamen Kämpfe brachen Mitte der 80er zusammen. Die damals größte Oppositionspartei, die Sozialistische Partei, benannte sich zur Sozialdemokratischen Partei um und entwickelte sich zu einer Schwindelpartei. Sie verlor ihren Einfluß auf die Massenbewegung. Zudem schwächte der Zusammenbruch der sozialistischen Staaten die kommunistischen und sozialistischen Kräfte, die großen Einfluß auf die Arbeiterbewegung gehabt hatten. Heute ist die Vereinigung der Arbeitergewerkschaften – Rengo – die führende Kraft der Arbeiterbewegung. Rengo unterstützt zumeist die Demokratische Partei. Diese Partei hat aber kein Interesse an einer außerparlamentarischen Massenbewegung gegen den Krieg. Keine politische Partei oder Gewerkschaft will sich derzeit an die Spitze dieser Bewegung stellen. Aber das Netzwerk von verschiedenen Gruppen wird sich weiter verbreitern.

In Japan wird von dem »verlorenen Jahrzehnt« gesprochen, wenn es um die anhaltende Wirtschaftsflaute seit dem Ende der 80er Jahre geht. Eine weitere Steigerung des Lebensstandards ist nicht mehr zu erwarten. Es kommt zu Gehaltskürzungen, die Zahl der Arbeitslosen steigt. Ratlosigkeit und Verzweiflung machen sich breit.

Besonders die Jüngeren haben große Angst. Sie wollen die sozialen Verhältnisse ändern. Sie suchen eine authentische Bindung zu anderen und an die Gesellschaft. Und sie wollen sich in intensive Erlebnisse vertiefen, in denen sie sich lebendig fühlen können. Das ist der Grund, warum so viele junge Menschen ohne Parteibindung an den Demonstrationen gegen den Irak-Krieg teilgenommen haben. Für viele war es die erste Demonstration ihres Lebens. Im Gegensatz zu den eintönigen und langweiligen Demonstrationen gegen die Stationierung von Cruise-Missiles in den 80er Jahren war der Grundton der Veranstaltungen selbstbestimmt und schöpferisch. Ich gehöre zur Generation der sogenannten 68er und habe gegen den Vietnamkrieg gekämpft. Ich hoffe, daß die jungen Menschen, die gegen den Irak-Krieg demonstriert haben, die zukünftigen Bewegungen führen werden.

F: Ein großes Thema in der deutschen Antikriegsbewegung waren Antisemitismusvorwürfe. Damit wurden die Unterstützer der palästinensischen Befreiungsbewegung belegt. Teile der deutschen neuen Linken nahmen auf Grund der Gefährdung Israels durch den Irak eine neutrale Stellung zu diesem Krieg ein. Waren die palästinensischen Selbstmordattentate auch in Japan ein Thema?

Die neue Linke in Japan hat viel Sympathie für palästinensische Selbstmordangriffe. Einige unterstützen sie bedingungslos, andere finden sie unvermeidlich. Sie unterstützen den Befreiungskampf des palästinensischen Volkes. Japaner sind im allgemeinen auch nicht antisemitisch. Deshalb wird dieser Kampf auch nicht als antisemitisch verstanden.

Ich kann den Selbstmordangriffen der Palästinenser allerdings nicht zustimmen, weil sie sich oft gegen Zivilisten richten. Dasselbe gilt für die Terroranschläge des 11.September 2001. In den 80ern hatte ich bei gewaltsamen Aktionen gegen die japanische Regierung das Kommando. Aber wir haben damals keinen einzigen Zivilisten verwundet oder getötet. Auch wenn Scharon unmenschliche Kriegsverbrechen begeht, ist es unverzeihlich, Zivilisten zu töten.

F: Im Westen wird die Wiederwahl von Shintaro Ishihara als Gouverneur des Hauptstadtbezirks als Zeichen für die Rechtsentwicklung in Japan gesehen. Wie bewerten Sie diese Wahl?

Ishihara Shintaro ist in der Tat ein ultrarechter Politiker. Er versteckt seine rassistischen Ansichten nicht und behauptet bei jeder Gelegenheit, daß alle Chinesen in Japan potentielle Verbrecher sind. Aber ich glaube nicht, daß seine Wiederwahl die Unterstützung der Tokioter Bevölkerung für seine ultrarechte Ideologie widerspiegelt. Ein Grund für seine Beliebtheit ist seine Popularität als Schriftsteller und Fernsehstar. Sein mittlerweile verstorbener Bruder Ishihara Yujiro war Japans populärster Firmschauspieler. Fast alle Japaner kennen beide, und das kam ihm zugute.

Der wichtige Grund für seine Wiederwahl ist aber, daß er die bisherige Politik der regierenden Liberaldemokraten kritisiert und die weitverbreitete Unzufriedenheit der Bevölkerung zum Ausdruck bringt. Er fordert etwa Rußfilter für Dieselmotoren, eine neue Steuer für Banken und die Rückgabe des US-Stützpunkts Yokota an die Japaner. Das wird von den Menschen unterstützt. Seine Haltung gegen Liberaldemokraten und Amerika ist allerdings nur eine Pose.

Ishihara hat allen amerikanischen Kriegen zugestimmt. Er war LDP-Mitglied, hat keine anderen Vorstellungen von Sicherheitspolitik als die LDP. Er ist ganz anders als Schirinowski und Haider, die echte antiamerikanische Nationalisten sind.
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Arbeitslosen geht’s an den Kragen: Warum so wenig Gegenwehr?
 
 
F: Vor kurzem ist eine Änderung des Sozialgesetzbuches in Kraft getreten. Welche Auswirkungen hat das?

Seit dem 1. Juli muß man sich persönlich als arbeitssuchend melden, wenn man zwar noch beschäftigt ist, jedoch den Zeitpunkt der Beendigung des Arbeitsverhältnisses bereits kennt. Bisher konnte das Ende des Arbeitsverhältnisses abgewartet werden. Erfolgt die Meldung nicht unverzüglich, hat das künftig für die Betroffenen eine Minderung ihres Arbeitslosengeldanspruchs zur Folge.

Dahinter steht die Annahme, wenn das Arbeitsamt frühzeitig von der bevorstehenden Arbeitslosigkeit erfährt, kann die Vermittlung sofort beginnen, und der Betroffene wird vielleicht gar nicht oder nur kurz arbeitslos.

F: Und wie sieht es in der Praxis aus?

Ganz einfach: Wenn keine offenen Stellen da sind, bringt auch eine noch so früh einsetzende Vermittlung nichts. Hätten wir einen Arbeitsmarkt mit vielen offenen Stellen, dann wäre gegen den Gedanken, sofort mit der Vermittlung zu beginnen, nichts einzuwenden.

F: Eine andere der neuen Schikanen wird das »Arbeitslosengeld II« vermutlich ab 2004 sein. Was hat es damit auf sich?

Davon betroffen sind hierzulande etwa 1,5 bis 1,7 Millionen Arbeitslosenhilfeempfänger. Die Änderungen werden für einige wenige eine Verbesserung ihrer Situation, für die allermeisten aber eine Verschlechterung bringen. Da die beitragsbezogene Höhe der Arbeitslosenhilfe durch eine Pauschale ersetzt wird, wird es für viele eine Kürzung der Bezüge bedeuten. Die Regierungskoalition hat sich Ende Juni darauf verständigt, daß Langzeitarbeitslose zukünftig nur noch eine Leistung auf dem Niveau der Sozialhilfe erhalten sollen. Nach dem, was man von offizieller Seite so hört, kommen wir zu dem Ergebnis, daß die Ersetzung der einst gezahlten Arbeitslosenhilfe durch das »Arbeitslosengeld II« das Gros der Betroffenen auf jeden Fall schlechter stellen wird.

F: Von seiten der Gewerkschaften gibt es dagegen bisher wenig Proteste.

Das stimmt, die Gewerkschaften müßten dagegen viel mehr Front machen.

F: Warum passiert so wenig?

Nun, wir haben die Gewerkschaftsführung, die wir verdienen. Die ist ja nicht vom Himmel gefallen, sondern irgendwann mal gewählt worden. Daß natürlich sozialdemokratisch ausgerichtete Gewerkschaftsführer Beißhemmungen gegenüber einer SPD-geführten Bundesregierung haben, ist offenkundig.

F: Welche Bündnispartner sehen Sie für GALIDA?

Meine Bündnispartner sind 4,5 Millionen Arbeitslose. Wenn die nicht in Bewegung kommen, dann können wir alles vergessen. Natürlich setzen wir auch darauf, daß sich in den Gewerkschaften Widerstand regt. Unsere Mitglieder sind alle gewerkschaftlich organisiert. Von wem soll denn sonst der Protest getragen werden?

Aber daß sich in den Gewerkschaften zu wenig rührt, liegt doch nicht am DGB-Chef Michael Sommer oder den Vorsitzenden der Einzelgewerkschaften. Es liegt daran, daß die Betroffenen zum ganz großen Teil ihren Arsch nicht hochkriegen. Als im Mai der Aktionstag in Berlin war, habe ich mir von Betroffenen in Darmstadt anhören dürfen, nein, ich kann nicht: »Die Oma hat Geburtstag«, »Der Wellensittich muß zum Tierarzt« usw. usf.

Wenn also gesagt wird, die Gewerkschaften tun zu wenig – ein Vorwurf, der seine Berechtigung hat – dann halte ich dagegen: Die Betroffenen müssen handeln, egal, wie sich die Führungsspitze der Gewerkschaften positioniert. Wir haben vor dem Aktionstag im Mai in Darmstadt über 1000 Flugblätter verteilt und mit vielen gesprochen; am Ende waren es aber doch nur wieder die alten Bekannten, die bereit waren, mit nach Berlin zu fahren.

F: Ein gesamtgesellschaftliches Phänomen!

Stimmt. Nur wird es eben zum Beispiel für Apotheker, die auch Kürzungen hinnehmen müssen, nicht so hart kommen wie für Arbeitslose. Wenn ich der Schröder wäre, würde ich auch die Arbeitslosen rannehmen – so wenig, wie von denen an Gegenwehr kommt.


































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